Archive for the ‘Sommerkrisen’ Category

Der MAHLSTROM

Donnerstag, August 2nd, 2012

Absaufen werdet Ihr!

„Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen goldnen Becher werf ich hinab,
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.“

(Aus: Friedrich Schiller DER TAUCHER 1797)

Es geht den Bach ‘runter, machen wir uns nichts vor. Vor lauter Krisengetaumel schafft man es kaum noch, jeder einzelnen hinterherzuschreiben, wozu auch? Findet auch so statt, und ohne, dass man sie noch extra herbeizuschreiben bräuchte. Zu kommentieren gibt’s eh’ kaum noch was. Gesetze werden nicht mehr vom Bundestag gemacht, sondern vom Innenausschuss. Schön, das auch einmal erfahren zu haben. Elementare Grundrechte werden nicht mehr á priori gewährt, sondern nur noch auf Antrag, will heißen ihre Inversion zum Nachteil des Bürgers wird nur noch auf ausdrücklichen Antrag der Betroffenen aufgehoben, ansonsten heißt es: Pech gehabt! Bleibt im Zweifelsfalle immer noch der Weg zum Bundesverfassungsgericht, wir sind ja schließlich ein freies Land. A propos Verfassung. In welcher sich der gleichnamige -schutz befindet, will man lieber nicht wirklich wissen. Ebenso die anderen Organe dieses Staates, die unserer inneren wie äußeren Sicherheit dienen (schon ‘mal gehört, dieses Verb?) sollen.
Die BKA-Spitze wurde komplett im Handstreich ausgetauscht - findet offenbar keiner groß merkwürdig, was ein Bundesinnenminister Friedrich da für einen Putsch von oben durchzieht. A propos Organe: Die Beschneidung unserer Grundrechte kann einem schon echt aufs Skrotum gehen. Aber was uns wirklich unter die Vorhaut geht, ist doch die Beschneidung, nein: Verstümmelung hilf- und wehrloser Minderjähriger! Das geht ja gar nicht, sondern greift unsere fundamentalistischen Vorstellungen einer demokratischen Grund- und Weltordnung an, besonders, wenn religiös motiviert.
Thema Organe und Geld: Auch da wird künftig wohl jeder großzügig spenden müssen, damit der Nachschub für der Oberen Zehntausend abgewrackte Lebern, zerrüttete Herzen, saure Nieren etc. nicht zusammenbricht. Spendenbescheinigung gibt’s dann vom Gesundheitsministerium. A propos Finanzen: Die EZB fordert (und bekommt) jetzt demnächst carte blanche in Form von unbegrenztem Kredit! Wenn schon Pleite, dann aber richtig, Freunde! Wir gehen doch nicht mit ein paar lumpigen Billionen Bankrott? Nein, dann schreddern wir nicht nur ein paar belastende Nazi-Aktienbestände (wen die wohl noch so alles belastet haben, äh hätten, ätschebätsche?!), sondern gleich die gesamten Geldvorräte der EU. Und unser aller Zukunft gleich mit. Ist das wenigstens auch gleich mit erledigt. Haben wir irgendwas wichtiges vergessen? Zum Beispiel den milliardenschweren Panzerdeal mit den Wächtern der demokratischen Grundwerte, den Saudis? War da nicht noch ‘was im Vatikan? Das EM-Debakel unserer Fußball-Elf haben wir vorsichtshalber gleich komplett dem dunklen Schlund des Vergessens und Verdrängens übereignet. Ach ja, und unser Wahlrecht ist auch Makulatur. Brauchen wir eigentlich eh’ nicht mehr so richtig, mangels Gebrauch, sprich: stetig schwindender Wahlbeteiligung. Unsere Kanzlerin weilt derweil im Urlaub und unser Land taumelt führer(innen)los am Rande des schwarzen Abgrunds. Besser bekannt auch als das alles verschlingende, dräuende SOMMERLOCH. Ach so vieles, was man besser vergisst noch bevor man’s weiß, und zuverlässig vergisst die Öffentlichkeit, was Sie eh’ nie wissen wollte, macht aber nix, jetzt ist nämlich gerade SOMMERPAUSE!
So kann man eine Demokratie auch in Grund und Boden regieren, oder eben auch: nicht regieren. Den güldnen Becher? Kannste behalten, König von Deutschland.

© Siegfried Galter, 2. August 2012

Krisen-Notstand im Sommerloch: Ein Nachruf.

Dienstag, August 23rd, 2011

Hallo Ihr Krisen-Junkies im Lande! Die Lage an der Krisenfront ist angespannt.
Warum? Im Sommerloch drohen uns regelmäßig die Krisenszenarien auszugehen.
Nicht wirklich mangels Masse, sondern weil die Menschen drauß` im Lande urlaubsreif sind, und sich einfach eine Auszeit von dem üblichen Krisengedöns nehmen wollen.
Kriege, Katastrophen und Skandale hat man übers Jahr weiß Gott genug auszuhalten, und will dann wenigstens im Urlaub seine Ruhe davon haben.
Die Medien wissen dieses berechtigte Bedürfnis zu würdigen, und warten im Sommerloch mit handverlesenen Kuschelkrisen auf, von denen man weiß, dass sie nicht wirklich unser Wohlbefinden stören, sondern unser Weltbild stabilisieren helfen. Denn im Grunde wissen wir natürlich, dass die wirklich schlimmen Dinge sowieso permanent passieren, deshalb wollen wir nur wohldosiert davon behelligt werden.

Andererseits sind wir doch so sehr an die täglichen Adrenalinschübe und Aufreger gewöhnt, dass wir nicht ganz auf unseren Krisenstoff verzichten mögen.
Deshalb produziert uns das Sommerloch, wenn nichts wirklich Bedrohliches oder Beängstigendes dazwischenkommt wie ein Tsunami oder eine Sommergrippe-Welle, leicht abbaubare Krisen-Emissionen, die en passant, hübsch aufgebauscht wie ein sanft gekräuseltes Meeresgestade, am sommerträgen Gemüt vorbeirauschen können:

Der Bestand der heimischen Pirole wurde dramatisch geschmälert

Der Bestand der heimischen Pirole wurde dramatisch geschmälert

Aus den August-Temperaturen (ob zu hoch oder zu niedrig) und allfälligen Gewittern wird die ultimative Klimakrise beschworen. Aus entlaufenem Schlachtvieh werden freiheitsliebende Revoluzzer-Rindviecher stilisiert. An ausgesetzten Haustieren wird der Niedergang unseres abendländischen Wertesystems festgemacht.
Aus urlaubenden Spitzenpolitikern ist noch weniger Zielführendes oder Geistvolles herauszubringen als zu üblichen Geschäfts- und Regierungszeiten, weshalb man sie munter vor romantischer Urlaubskulisse zu Wort kommen lässt.
Aus den ausufernden Staumeldungen in Verbindung mit ferienzeitlich angepassten Spritpreisen lässt sich das nahende Ende unserer Mobilkultur ablesen.
Dazwischen solch erfreuliche Einsprengsel: Strauss-Kahn wird mangels Beweisen nicht weiter inhaftiert. Und: Der Pirol ist nicht akut vom Aussterben bedroht.

Dann aber heute eine Meldung, die wirklich betroffen machte, und die beim Autor für eine wahrhaft tiefgreifende Stimmungskrise sorgte: Vicco von Bülow, bekannter als Loriot, weilt nicht mehr unter uns. Diesen Verlust werden alle humorbegabten Menschen in diesem Lande nur schwer verschmerzen. Mit dem Weggang dieses Großmeisters wird die Humorlücke in Deutschland in einem Ausmaß vergrößert, gegen die sich das Sommerloch wie ein Stecknadelkopf ausnimmt. Sehr geehrter Herr von Bülow, alias Loriot (alias Pirol), wir verneigen uns vor Ihrem Werk und Ihrer Person. Wir werden Sie schmerzlich vermissen, und in ehrendem Andenken behalten. Lasst uns hoffen, dass damit der feingeistige Humor in Deutschland nicht endgültig auf der Roten Liste steht.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ruhe sanft, Du seltener Vogel.
Uns zum Troste bleibt, den profanen Alltagskrisen zum Trotz, zumindest die unsterblich gewordene Loriot`sche Nudelkrise. Mahlzeit!

© 23.08.2011 Siegfried Galter