Archive for the ‘Stimmungskrisen’ Category

Hitzefrei in der „Quasselbude“?

Freitag, Juni 7th, 2013

Der Reichstag in Flammen
Wie in der Tagesschau vom 06. Juni berichtet, wurde die Parlamentssitzung des selbigen Tages wegen Beschlussunfähigkeit des Bundestages abgebrochen.
Auf Antrag der Linken war per Hammelsprung-Verfahren festgestellt worden, dass die für eine Beschlussfähigkeit erforderliche Mindest-Anwesenheit von mehr als der Hälfte der Abgeordneten nicht erfüllt war. Jau, da war aber Feuer unter’m Dach im Berliner Reichstag! Dieser so bemerkenswerte wie kritikwürdige Tatbestand (und damit ist ausdrücklich nicht die Tatsache gemeint, dass die Linke hier ganz korrekt intervenierte) gab zu Recht Anlass für viele erboste und kritische Kommentare auf der Tagesschau-Website. Auch der Twitter-Kommentar des Grünen Volker Beck („Die Linke hat wohl ein Rad ab….“) spricht wohl Bände für das teils höchst eigenwillige Selbstverständnis unserer Volksvertreter.
Die von deren Seite vielfach und lautstark beklagte „Politikverdrossenheit“ der Bundesbürger erhält auf diese Art wiederum neue Nahrung – wen wundert’s?

Man könnte auch sagen, hier wird weiter Öl in die schwelende Glut der Unzufriedenheit gegossen, auf die Gefahr hin, dass sich daraus irgendwann doch noch eine „Glodernde Lut“ nach Vorlage des berüchtigten Brandbeschleunigers Edmund der Zerstoiber entwickeln könnte.
Beunruhigendes Indiz ist die in letzter Zeit gehäufte Verwendung des Begriffes „Quasselbude“ in Bezug auf den deutschen Parlamentssitz (siehe auch die o.a. Kommentare). Bereits seine eindeutig despektierliche Prägung zeugt von dem mittlerweile offenbar vielfach empfundenen Misstrauen gegenüber unseren parlamentar-demokratischen Prinzipien und Institutionen und deren Protagonisten. Als abschätziges Attribut verwendet, richtet er sich sich in erster Linie gegen die Parlamentarier selbst: man schlägt den Sack und meint den Esel. Verschärft und brandgefährlich wird der Ausdruck dieser Geringschätzung aber vor dem Hintergrund, dass es sich bei dem ursprünglich von Kaiser Wilhelm geprägten Schmähbegriff um ein überkommenes Relikt aus dem Jargon der Nationalsozialisten handelt, welche damit das parlamentarische System der Weimarer Republik diskreditierten – mit durchschlagendem Erfolg, wie man weiß.
Der von den Nazis so geschmähte Reichstag wurde wenig später vom unglückseligen Marinus van der Lubbe abgefackelt – als leider völlig verfehlter Widerstandsakt gegen eben jene Naziverbrecher, die unmittelbar darauf den Weltenbrand entfachen sollten.
Der Reichstag heißt heute wieder so, wie er 1933 hieß. Ein schweres Erbe, das man verantwortungsvoll hüten sollte. „Quasselbude“ bedeutet vor diesem Hintergrund, mit brandgefährlichen Begriffen zu hantieren. Und an die Adresse unserer viel beschäftigten Abgeordneten: Auch wenn massenhafte (persönliche) Abwesenheit dort eher die unrühmliche Regel ist als die dispensfähige Ausnahme, selbst wenn dort heute bisweilen viel heiße Luft produziert wird, sollte man doch gerade darauf achten, dass die Arbeitstemperatur moderat bleibt in unserem Reichstagsgebäude. Erhitzte Sachdebatten, ja bitte. Scheingefechte politischer Knallchargen, nein danke. Sonst könnte es womöglich passieren, dass in diesem hohen Hause irgendwann und bis auf Weiteres doch noch mehr Sitzungen ausfallen müssen – wegen Hitzefrei.

© Siegfried Galter, 07. Juni 2013

La Jolie et la bête oder die Schönheit und das Biest

Freitag, Mai 17th, 2013

Angst essen Schönheit aufStets sieht sich die Schönheit durch das Häßliche gefährdet. Ebenso wie die Freiheit durch die Beschränktheit, oder die Ruhe durch den Aufruhr, die Gesundheit durch Krankheit. Der Frieden durch den Krieg. Die Gewissheit durch die Ungewissheit.
Genauso wie das Leben durch den Tod.
Keine Existenz ist denkbar ohne ihre elementare Gefährdung oder Infragestellung.
Und wir leben in unsicheren Zeiten, das ist gewiss. So gewiss wie die Statistiken, mit deren Hilfe wir uns wenigstens dieser Tatsache zahlenmäßig verbrieft versichern können.
Rauchen gefährdet unsere Gesundheit. Ebenso wie falscher oder übermäßiger Konsum nahezu aller anderen körpergängigen Substanzen und Verfahren, sei es Fleisch, Fett, Alkohol, Zucker, Medikamente und Drogen oder auch nur natürliches Sonnenlicht.
Von allen anderen Schadfaktoren, über die wir keine Kenntnis oder noch keine gesicherte Erkenntnis haben, einmal abgesehen.
Hält die statistisch belegte Schädlichkeit oder Gefährdung irgendeinen Nikotin-, Drogen-, Alkohol-, UV-, oder Fressjunkie davon ab, weiter an dieser selbstzerstörerischen Verhaltensweise festzuhalten? Selten genug. Wir verbrüdern uns mit unseren Todfeinden, umarmen sie innig und nehmen fatalistisch ihre statistisch signifikante und millionenfach erprobte Letalität in Kauf.
Gleichzeitig kämpfen wir verzweifelt gegen den sichtbaren Verfall, sei es mit Hilfe von Kleidung, Kosmetik oder Körperoptimierung bis aufs Messer - mit Selbstkasteiung, Chirurgie und und Alchemie.

Depression sei die Krankheit zum Tode, heißt es. Ich glaube, die Krankheit zum Tode heißt Todesangst. Sie lässt uns die aberwitzigsten Dinge tun, um dem Unvermeidlichen nicht ins Auge blicken zu müssen. Der Gegner hat uns längst umzingelt, der Sensenmann ist allgegenwärtig. Der Mensch ist des Menschen erbittertster Feind. Und am gefährlichsten ist der Feind in uns selbst. Ein heimtückischer Schläfer lauert in uns auf die Gelegenheit, uns mit körpereigenen Waffen hinterrücks niederzuringen. Krebs, die beängstigende Fratze jeder Horrorvision vom eigenen Ableben. Und jetzt also auch die eigenen Gene. Heute haben wir endlich die Erkenntnismöglichkeiten, den Beweis, und damit auch die Gewissheit: unsere eigenen Gene arbeiten gegen uns!
Wie es Gerhard Polt einmal so trefflich auf den Punkt brachte:
„Wenn die Gene erstmal versaut sind, helfen auch keine Prügel mehr!“
Aber in der modernen Chirurgie haben wir einen mächtigen Verbündeten! Wenn die statistische Wahrscheinlichkeit, an einer bestimmten Krebsart zu erkranken, genetisch quasi vorprogrammiert ist, dann operieren wir das hinterfotzige Teil einfach heraus, bevor eine entartete Zelle auch nur „Piep!“ sagen kann, und ersetzen es notfalls durch eine optimierte und harmlose Nachbildung.
So eine über 80-prozentige, statistisch abgesicherte Erkrankungswahrscheinlichkeit kann einem natürlich eine Scheißangst einjagen, gar keine Frage. Oh unglückselige Angelina, Dein Engelsgesicht soll den grausen Tod nicht schauen. Da heißt es knallhart kalkuliert handeln. Der Krebs oder ich. Den Feind vernichten, bevor er noch aus den Schützengräben ‘rauskommt. Das Biest muss sterben! Die Schönheit soll leben! Silikon statt Karzinom.

Unsere Todeswahrscheinlichkeit beträgt exakt 100 %. Massenhafte Präventiv-Selbstentleibung wäre angesichts dieser überwältigenden und statistisch unleugbaren Gewissheit das aktuelle Gebot der Stunde.
Wem das zu radikal ist, der kann ja, sozusagen als sorgsam abgestimmte „flexible response“ auf die statistisch vorliegende individuelle Gefährdungslage, nach und nach die Gefahrenherde eliminieren, indem er sich peu à peu von den in Frage kommenden Organen und Körperteilen trennt. Auf chirurgischem Wege, versteht sich, und unter begleitender Obhut von Spezialisten des Vertrauens. Heute die Prostata, morgen die Leber, dann später vielleicht noch Teile des Magens, suspekte Brüste, ein Fötus mit einer minderwertigen Gen-Disposition – alles muss ‘raus! Je nachdem könnte auch das Gehirn dran glauben müssen. Prävention tut Not – nichts wie weg damit, bevor es zu spät ist! Bei der Mehrheit sollte der Gewinn an potenzieller Lebensqualität den Verlust an Denkvermögen mehr als wettmachen. Bei nicht Wenigen wird sich dieser finale Eingriff mangels Masse ohnehin erübrigen. Und für unser marodes Gesundheitswesen tun sich langfristig völlig neue Perspektiven auf. Radikalprävention auf höchstem Level. Entledigt Euch! © Mai 2013 Siegfried Galter

GÄHN! Vom tödlichen Ennui des Erwartbaren.

Mittwoch, Januar 4th, 2012

Erzählt uns doch EINMAL `was Neues!

Erzählt uns doch EINMAL `was Neues!

Ackermann ist ein A-A-Männchen. Köhler hat hingeschmissen*. Wulff ist unhaltbar und uneinsichtig. Guttenberg ist unfähig, uneinsichtig und unaufhaltbar. Pofalla ist… wer ist nochmal Pofalla? Merkel ist alternativlos.
Westerwelle ist der Vorläufer von Rösler. Rösler ist zum Weglaufen gut. Die FDP ist ein Auslaufmodell. Rot-Grün und Grün-Rot blockieren sich gegenseitig. Die Linke ist nicht regierungskonform. Deutschland ist Weltmeister. Deutschland war Weltmeister. Deutschland wird Weltmeister.
Der Euro wird gerettet. Der Euro wird gerettet. Der Euro wird gerettet. Europa ist eine Einheit. Es gibt keine rechte Gewalt. Der Terror von links muss bekämpft werden. Multikulti ist gescheitert. Wer sich nicht integrieren will, kann jederzeit emigrieren. Wir sind Weltmeister. Wir sind Papst. Der Papst ist unschuldig. Es gibt keinen Missbrauch in der katholischen Kirche. Der Vatikan hat immer recht. Die GEZ braucht keine Wähler. Die Banken sind böse. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen. Der Wähler/die Wählerin ist politikverdrossen. Die BRD ist eine Demokratie. Die BRD ist eine Demokratie. Der Verfassungsschutz schützt uns alle. Die BRD ist alternativlos. Der Stresstest für Wutbürger ist eine deutsche Erfindung. Es gab nie eine DDR. Gorleben ist.. was war nochmal in Gorleben? Die Energiewende ist eine Erfindung der CDU. Die Asse ist abgesoffen. In Deutschland waren Nazis immer schon eine ungefährliche Minderheit. Die deutsche Automobilindustrie ist der Motor unserer Wirtschaft. Wer arbeiten will, findet auch Arbeit. Fukushima ist überall. Es gibt keinen Klimawandel. Der Klimawandel ist beherrschbar. Der Klimagipfel bleibt ergebnisoffen. Es war nicht alles schlecht im tausendjährigen Reich. Europa wird in Brüssel erledigt. Wir brauchen mehr Mobilität, also mehr Autos und Autobahnen. Der Palästina-Konflikt ist festgefahren. Die Muslime sind selbst schuld. Made in Germany ist Made in Germany. Mindestlohn ist etwas für Arme. Der Markt wird’s schon richten. Wer nichts zu verbergen hat, kann ruhig die Hosen runterlassen. Wir sind alternativlos. Wir haben 2012. War `was?

* Wer oder Was passt nicht in diese Reihe?

© Siegfried Galter, 04.01. 2012

55-plus – von der unbezahlbaren Weisheit des Alters

Montag, Oktober 31st, 2011

Der Horror vacui - er lauert hinter der großen Zahl...

Der Horror vacui - er lauert hinter der großen Zahl...

„Mit dem Alter kommt die Weisheit“, heißt es doch immer so schön. Nun, wenn wir Weisheit mit Erkenntnis gleichsetzen wollten, und die Spruchweisheit auch umgekehrt gilt, dann wären wir wohl innerhalb der letzten fünf Jahre mit Lichtgeschwindigkeit gealtert. So viel Erkenntnis war nie!

Aber der Reihe nach:
Vor gefühlt hundert Jahren, also ungefähr noch im letzten Jahrtausend, waren Banken und der Staat Institutionen, denen man mit gewisser ehrfürchtiger Scheu begegnete, galten sie doch weit gehend als unfehlbar. Jedenfalls waren ihre Machenschaften für uns Normalsterbliche seit je so undurchschaubar, dass man lieber an ihre Unfehlbarkeit glauben mochte, als an ihre Unfähigkeit.
Dann wurden wir aber sehr schnell des Schlechteren belehrt, nämlich, dass auch sie sich durchaus verkalkulieren können, und zwar in nicht ganz unerheblichem Ausmaß. Nun gut, man lernte hinzu, auch diese Institutionen werden nur von Menschen geführt, und die machen nun einmal ganz menschliche Fehler. Geschenkt. Nach 2008 gewann man ein, zwei Jahre, und gleichzeitig die Erkenntnis ganzer Dekaden hinzu. Auch `was wert.
Dann war jedoch zu hören, dass im Finanzwesen mittlerweile Maschinen wesentliche Teile der Entscheidungsprozesse übernommen hätten. Die Rede ist von den weltweit vernetzten Börsencomputern und deren Softwareprogrammen, welche heute weitgehend selbsttätig das Börsengeschehen bestimmen, und damit, wie bereits mehrfach erlebt, unaufhaltsam(!) gewisse fatale Entwicklungen auslösen können. Ein außer Kontrolle geratenes AKW löst gegen so einen Amok laufenden Geldreaktor nur einen leisen Ionenschauer aus.
Auch die Politik schien machtlos, aber das musste ja noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein, wenn auch fürderhin immer öfter das magische Adjektiv „alternativlos“ zu hören war. Mangels Alternativen sah man sich weniger geneigt als genötigt, das angeschlagene Vertrauen durch immer weitere und ewigkeitsfeste Vertrauensbeweise zu unterfüttern.
Denn Panik ist das Gegenteil von Weisheit. Wenn aber Weisheit auf Erkenntnis beruht, und diese erst mit dem Alter kommt, dann sind wir womöglich einfach schon zu alt, um noch zu reagieren oder gar zu fliehen? Rein gefühlt könnte das stimmen: Eine Bankrotterklärung jagt die nächste. Jeder Kredit jedenfalls ist spätestens seit vorgestern vollends verspielt, das Vertrauen endgültig futsch. Pünktlich zu Halloween kennt der Horror keine Grenzen mehr.
Es war ja mit allem zu rechnen, aber nicht damit, dass diejenigen, denen man sein sauer verdientes Geld, seine Steuern, seine Zukunft und seine Rente anvertraut, noch nicht einmal die fundamentalen Grundrechenarten beherrschen, und Plus und Minus verwechseln.
Da kommen dann schnell `mal ein paar €uro zusammen, ehe man sich”’’s versieht womöglich gar 550500000000,- PLUS!
Dabei könnte alles so schön sein! Mit 55-plus fängt doch das gute Leben erst so richtig an? Speziell, wenn einem das gnädige Schicksal gerade unverhofft 55 Millärdchen plus ein paar hundert Milliönchen in den Schoß geworfen hat?
Wie hieß doch noch diese schöne Ereigniskarte bei Monopoly? „Bankirrtum zu Deinen Gunsten, ziehe 200 Mark ein!“ Juhuu! Da war die Freude immer groß über diesen schönen blauen Spielgeld-Lappen. Und jetzt, in Zeiten der weltweit grassierenden Hyperinflation, können wir uns kaum über diese läppische Summe freuen? Kein Wunder, mildert sie doch unser Staatsdefizit gerade einmal um ein lumpiges Prozent.
55,5 Milliarden €uro, das ist gerade einmal die Hälfte des saarländischen Jahresprodukts.
Und bekannter Maßen gehört das Saarland nicht zu den strukturstarken Säulen unserer Republik. Auch die italienische Mafia lacht über solche Peanuts, pro Jahr erwirtschaftet diese tüchtige Organisation locker mehr als das Doppelte dieser Summe!
Es liegt in der Magie der großen Zahl, dass wir uns über solche Schicksalsgeschenke im fortgeschrittenen Menscheitsalter einfach nicht mehr angemessen freuen können.
Denn, wie bereits in einem früheren Beitrag (vor gefühlt 50 Jahren) festgestellt, rechnet man heute einfach in anderen Dimensionen, nämlich in Billionen.
Allerdings hat ein kluger Mensch festgestellt, dass es ca. 1500 Jahre dauern würde, wollte man laut von Eins bis 55,5 Milliarden zählen. Grob gerechnet jetzt, also plus/minus X Jahre. So viel Spielraum muss sein.
Vielleicht rechnet ein anderer kluger Mensch ja einmal aus, wie lange es wohl dauern würde, die Gesamtschuldensumme dieser Welt Zahl für Zahl nur auszusprechen, geschweige denn, zu tilgen?
So alt kann die Menscheit gar nicht mehr werden, um das noch zu erleben.
Aber so alt aussehen tun wir heute schon. Happy Halloweeeeen!

P.S.: Auf die derzeit sieben Milliarden Menschen verteilt, würde jeder immerhin € 7,85 von dem 55,5 Milliarden-Segen abkriegen. Davon kann man sich bei Old Mac D schon ein ganzes Menü leisten!

© 31. 10. 2011 Siegfried Galter. Bild: Collage/Fotolia

Pofalla? Wer ist Herr Pofalla?

Dienstag, Oktober 4th, 2011

Die Physiognomie eines Gesichtslosen? Oder schlicht ein Arschgesicht? Man weiß es nicht.

Die Physiognomie eines Gesichtslosen? Oder schlicht ein Arschgesicht? Man weiß es nicht.

Wieder einmal geistert ein Name durch die karstige Landschaft von Politik und Medien, über den man zu einschlägigen Gelegenheiten immer wieder einmal gestolpert ist.
Es handelt sich dem Vernehmen nach um einen gewissen Ronald Pofalla, der ob seines profanen Äußeren und ebensolcher Äußerungen nie wirklich ernst zu nehmen war oder gar auf konstruktive Weise in Erscheinung getreten wäre. Der Autor selbst hatte ihn darob bereits im Zusammenhang eines früheren Beitrags als prototypischen Repräsentanten für die farb- und ideenlose Politik in unserem Lande gewürdigt, von „Pofallisierung“ war wörtlich die Rede. (Zitat: “Die Pofallisierung der deutschen Politiklandschaft hat mit Ronald Pofalla, dem Generalsekretär der CDU, zwar nicht erst begonnen, aber sie hat mit seiner unvergleichlich profanen Physiognomie und seiner rheinisch-verwaschenen Redeweise endlich einen Gesichtsausdruck bekommen – und einen merkfähigen Namen.”) Zuviel fast der Ehre für einen ebenso farblosen wie inhaltsleeren Funktionsträger, dem offensichtlich jede Art von Niveau fehlt.
Dieses Nullniveau hat er nun jüngst wieder eindrücklich, oder besser: ausdrücklich unter Beweis gestellt, oder womöglich sogar noch unterschritten, indem er seinen Parteikollegen Wolfgang Bosbach aufs Übelste beschimpfte und verunglimpfte. Anlass war dessen abweichende Meinungsäußerung im Zusammenhang mit dem sogenannten Euro-Rettungsschirm
Wie aus erster Hand (auch von serösen Medien) berichtet wurde, konnte Merkels „Minister für besondere Aufgaben“ damit nicht wirklich souverän umgehen, und reagierte lautstark mit ehrverletzenden Verbalattacken in Richtung seines Kollegen.
Als wollte er als der „Rasende Ronald“ in die CDU-Parteigeschichte eingehen, legte er nun auch den letzten kümmerlichen Rest professionell-politischer Zurückhaltung ab. Umso schwerwiegender, als sich sein Ausfall gegen einen christlich-demokratischen Parteibruder richtete, und nicht wie sonst eher üblich, gegen stimm- und wehrlose Minderheiten anderer Weltanschauung und Gesellschaftszugehörigkeit.

Doch nicht genug, dass der gelernte Rechtsanwalt und Sozial-Pädagoge sich öffentlich auf solch niveaulose Art echauffierte – in einem starken Abgang trieb er die Selbstdemaskierung noch einen entscheidenden Schritt weiter: Den fast verzweifelten Einwand Bosbachs: „Ronald, guck bitte mal ins Grundgesetz, das ist für mich eine Gewissensfrage.“ konterte er mit der entlarvenden Replik „Lass mich mit so einer Scheiße in Ruhe!“
Sprachs, nein, brüllte es aus ihm, Ronald dem Farblosen, bevor er seine Dienstlimousine enterte und davon brauste, einer ungewissen Zukunft entgegen.
Was soll man davon halten? Soll man das wörtlich nehmen? Scheißt der Kanzleramtsminister nun aufs Grundgesetz oder auf die berechtigte Meinungs- und Gewissensfreiheit eines Abgeordneten des Deutschen Bundestages? Oder scheißt er auf seine politische Zukunft, indem er Grundgesetz, Meinungs- und Gewissensfreiheit in einem Aufwasch in die Kloake spült? Kann ein Gesichtsloser überhaupt sein Gesicht verlieren? Nein, aber er kann offenbar die Contenance verlieren, und damit seinen Job.
Es wäre an der Zeit. Wer war nochmal Pofalla? War das nicht der Typ mit dem schlecht sitzenden Toupet und dem Wolpertinger-Gebiss aus der einen Simpsons-Folge?

P.S.: Dass dieser Ausnahmepolitiker selbst immer wieder Auslöser und Zielfigur aggressiver Verbalattacken wurde, wird niemanden, der seinen Werdegang notgedrungen verfolgt hat, weiter verwundern, ein schöner Blog-Beitrag aus dem Jahr 2005(!) mag das illustrieren: http://www.berlin-mindplayers.de/?p=116

P.P.S.: Pofalla hat sich heute öffentlich entschuldigt bei Bosbach. Die Entschuldigung beim Bürger für die Missachtung demokratischer Werte und für die offensichtliche Tatsache, dass sein Eid aufs Grundgesetz anscheinend einen Scheiß wert ist, blieb er uns schuldig. War auch nicht anders zu erwarten, Herr Po-falla!

(c) Siegfried Galter 04. 10. 2011

Krisen-Notstand im Sommerloch: Ein Nachruf.

Dienstag, August 23rd, 2011

Hallo Ihr Krisen-Junkies im Lande! Die Lage an der Krisenfront ist angespannt.
Warum? Im Sommerloch drohen uns regelmäßig die Krisenszenarien auszugehen.
Nicht wirklich mangels Masse, sondern weil die Menschen drauß` im Lande urlaubsreif sind, und sich einfach eine Auszeit von dem üblichen Krisengedöns nehmen wollen.
Kriege, Katastrophen und Skandale hat man übers Jahr weiß Gott genug auszuhalten, und will dann wenigstens im Urlaub seine Ruhe davon haben.
Die Medien wissen dieses berechtigte Bedürfnis zu würdigen, und warten im Sommerloch mit handverlesenen Kuschelkrisen auf, von denen man weiß, dass sie nicht wirklich unser Wohlbefinden stören, sondern unser Weltbild stabilisieren helfen. Denn im Grunde wissen wir natürlich, dass die wirklich schlimmen Dinge sowieso permanent passieren, deshalb wollen wir nur wohldosiert davon behelligt werden.

Andererseits sind wir doch so sehr an die täglichen Adrenalinschübe und Aufreger gewöhnt, dass wir nicht ganz auf unseren Krisenstoff verzichten mögen.
Deshalb produziert uns das Sommerloch, wenn nichts wirklich Bedrohliches oder Beängstigendes dazwischenkommt wie ein Tsunami oder eine Sommergrippe-Welle, leicht abbaubare Krisen-Emissionen, die en passant, hübsch aufgebauscht wie ein sanft gekräuseltes Meeresgestade, am sommerträgen Gemüt vorbeirauschen können:

Der Bestand der heimischen Pirole wurde dramatisch geschmälert

Der Bestand der heimischen Pirole wurde dramatisch geschmälert

Aus den August-Temperaturen (ob zu hoch oder zu niedrig) und allfälligen Gewittern wird die ultimative Klimakrise beschworen. Aus entlaufenem Schlachtvieh werden freiheitsliebende Revoluzzer-Rindviecher stilisiert. An ausgesetzten Haustieren wird der Niedergang unseres abendländischen Wertesystems festgemacht.
Aus urlaubenden Spitzenpolitikern ist noch weniger Zielführendes oder Geistvolles herauszubringen als zu üblichen Geschäfts- und Regierungszeiten, weshalb man sie munter vor romantischer Urlaubskulisse zu Wort kommen lässt.
Aus den ausufernden Staumeldungen in Verbindung mit ferienzeitlich angepassten Spritpreisen lässt sich das nahende Ende unserer Mobilkultur ablesen.
Dazwischen solch erfreuliche Einsprengsel: Strauss-Kahn wird mangels Beweisen nicht weiter inhaftiert. Und: Der Pirol ist nicht akut vom Aussterben bedroht.

Dann aber heute eine Meldung, die wirklich betroffen machte, und die beim Autor für eine wahrhaft tiefgreifende Stimmungskrise sorgte: Vicco von Bülow, bekannter als Loriot, weilt nicht mehr unter uns. Diesen Verlust werden alle humorbegabten Menschen in diesem Lande nur schwer verschmerzen. Mit dem Weggang dieses Großmeisters wird die Humorlücke in Deutschland in einem Ausmaß vergrößert, gegen die sich das Sommerloch wie ein Stecknadelkopf ausnimmt. Sehr geehrter Herr von Bülow, alias Loriot (alias Pirol), wir verneigen uns vor Ihrem Werk und Ihrer Person. Wir werden Sie schmerzlich vermissen, und in ehrendem Andenken behalten. Lasst uns hoffen, dass damit der feingeistige Humor in Deutschland nicht endgültig auf der Roten Liste steht.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ruhe sanft, Du seltener Vogel.
Uns zum Troste bleibt, den profanen Alltagskrisen zum Trotz, zumindest die unsterblich gewordene Loriot`sche Nudelkrise. Mahlzeit!

© 23.08.2011 Siegfried Galter