Archive for the ‘Parteikrisen’ Category

Hitzefrei in der „Quasselbude“?

Freitag, Juni 7th, 2013

Der Reichstag in Flammen
Wie in der Tagesschau vom 06. Juni berichtet, wurde die Parlamentssitzung des selbigen Tages wegen Beschlussunfähigkeit des Bundestages abgebrochen.
Auf Antrag der Linken war per Hammelsprung-Verfahren festgestellt worden, dass die für eine Beschlussfähigkeit erforderliche Mindest-Anwesenheit von mehr als der Hälfte der Abgeordneten nicht erfüllt war. Jau, da war aber Feuer unter’m Dach im Berliner Reichstag! Dieser so bemerkenswerte wie kritikwürdige Tatbestand (und damit ist ausdrücklich nicht die Tatsache gemeint, dass die Linke hier ganz korrekt intervenierte) gab zu Recht Anlass für viele erboste und kritische Kommentare auf der Tagesschau-Website. Auch der Twitter-Kommentar des Grünen Volker Beck („Die Linke hat wohl ein Rad ab….“) spricht wohl Bände für das teils höchst eigenwillige Selbstverständnis unserer Volksvertreter.
Die von deren Seite vielfach und lautstark beklagte „Politikverdrossenheit“ der Bundesbürger erhält auf diese Art wiederum neue Nahrung – wen wundert’s?

Man könnte auch sagen, hier wird weiter Öl in die schwelende Glut der Unzufriedenheit gegossen, auf die Gefahr hin, dass sich daraus irgendwann doch noch eine „Glodernde Lut“ nach Vorlage des berüchtigten Brandbeschleunigers Edmund der Zerstoiber entwickeln könnte.
Beunruhigendes Indiz ist die in letzter Zeit gehäufte Verwendung des Begriffes „Quasselbude“ in Bezug auf den deutschen Parlamentssitz (siehe auch die o.a. Kommentare). Bereits seine eindeutig despektierliche Prägung zeugt von dem mittlerweile offenbar vielfach empfundenen Misstrauen gegenüber unseren parlamentar-demokratischen Prinzipien und Institutionen und deren Protagonisten. Als abschätziges Attribut verwendet, richtet er sich sich in erster Linie gegen die Parlamentarier selbst: man schlägt den Sack und meint den Esel. Verschärft und brandgefährlich wird der Ausdruck dieser Geringschätzung aber vor dem Hintergrund, dass es sich bei dem ursprünglich von Kaiser Wilhelm geprägten Schmähbegriff um ein überkommenes Relikt aus dem Jargon der Nationalsozialisten handelt, welche damit das parlamentarische System der Weimarer Republik diskreditierten – mit durchschlagendem Erfolg, wie man weiß.
Der von den Nazis so geschmähte Reichstag wurde wenig später vom unglückseligen Marinus van der Lubbe abgefackelt – als leider völlig verfehlter Widerstandsakt gegen eben jene Naziverbrecher, die unmittelbar darauf den Weltenbrand entfachen sollten.
Der Reichstag heißt heute wieder so, wie er 1933 hieß. Ein schweres Erbe, das man verantwortungsvoll hüten sollte. „Quasselbude“ bedeutet vor diesem Hintergrund, mit brandgefährlichen Begriffen zu hantieren. Und an die Adresse unserer viel beschäftigten Abgeordneten: Auch wenn massenhafte (persönliche) Abwesenheit dort eher die unrühmliche Regel ist als die dispensfähige Ausnahme, selbst wenn dort heute bisweilen viel heiße Luft produziert wird, sollte man doch gerade darauf achten, dass die Arbeitstemperatur moderat bleibt in unserem Reichstagsgebäude. Erhitzte Sachdebatten, ja bitte. Scheingefechte politischer Knallchargen, nein danke. Sonst könnte es womöglich passieren, dass in diesem hohen Hause irgendwann und bis auf Weiteres doch noch mehr Sitzungen ausfallen müssen – wegen Hitzefrei.

© Siegfried Galter, 07. Juni 2013

V wie Victory! Was der schwarz-gelbe Triumpf für Deutschland bedeutet

Dienstag, Mai 15th, 2012

Die Siegerfahne ist schwarz-gelb!Entschlossenheit, Vorwärtsdrang, Unverdrossenheit, Überblick, Teamgeist, Fairness, Engagement, Optimismus, Erfolgswillen, Stehvermögen, - Meisterschaft. Das sind die Elemente, die Gewinner ausmachen, die das Volk mitreißen und begeistern, und die wir uns von unseren Leistungsträgern in Deutschland so sehr wünschen!

Für all’ das steht Schwarz-Gelb: Die Borussia hat uns gezeigt, wie es geht. Zum zweiten Mal in Folge Deutscher Meister, Meister der Herzen, und schließlich, hochverdient, auch noch als DFB-Pokalsieger aus dem Spitzenderby gegen die notorischen Tabellenführer in Lederhosen hervorgegangen. Schluss mit der selbstüberzogenen Leitkultur! Deutschland feiert den Ruhrpott-Arbeiteraufstand gegen das saturierte Fußball-Establishment.
Und in der Politik? Auch hier weht ein Hauch von Ruhrpott durch das Land, wenn auch farblich deutlich anders akzentuiert, denn die signalträchtige Farbkombi Schwarz-Gelb steht bzw. fällt hier für etwas ganz anderes:
Die oppositionsgestählten Roten berappeln sich, und kommen zunehmend aus der Verteidigung - allerdings scheint der radikale linke Flügel zusehends neutralisiert zu werden. So lange das Spiel auf halbwegs ökologischer Grundlage (also Rasen) läuft, sind die Grünen weiterhin auf dem Platz. Allerdings sehen sie sich aktuell unversehens heftig attackiert von der FC St.Pauli-Ausgabe der Parteienwelt. Die Piraten zeigen deutlich orange Flagge, und laufen, unterstützt durch eine chaotische Fangemeinde, langsam zur Bundesligareife auf. Die orangefarbenen Nebelkerzen aus der Fankurve werden es alleine aber nicht reißen.
Dagegen das konservative Lager: Die Schwarzen haben stark an Substanz verloren und laufen in deutlich ausgewaschenen Trikots in undifferenzierten Grautönen auf. Einzig auf internationalem Parkett spielt man, dank Merkel-Bonus, derzeit noch halbwegs auf Augenhöhe. Im konservativen Kader zeigt besonders die Bayernfraktion, wie aktuell der entthronte Münchner FC, deutliche Abwehrschwächen, welche auch durch zweckoptmistische Verbalgrätschen eines Seehofer nicht länger zu kaschieren sind.

Auch für Legenden ist irgendwann die Zeit gekommen. Keiner wusste das besser als der legendäre Namensvetter unserer fußballbegeisterten (immerhin!) Kanzlerin. In Bezug auf die Verlierer-Partei im blau-gelben Trikot jedoch trifft einer der berüchtigten Max-Merkel-Sprüche (aus allerdings anderem Zusammenhang) hier scheinbar nicht ganz zu:
“Ich glaube, es ist leichter, einen Rollmops durch Mund-zu-Mund-Beatmung wieder ins Leben zurückzu­holen.”
Gegen jede Vernunft und Lebenserfahrung haben es die gelbliberalen Freiheitskicker tatsächlich vermocht, von den Toten wieder aufzustehen, nachdem sie, aus Angst vor dem Tode, den politischen Selbstmord versucht hatten.
Aber noch nicht einmal das gelingt diesem Haufen verstörter Liberal-Youngster, denen eindeutig eine stabile Trainerhand fehlt. Wie man weiß, macht ein Hoffnungsträger (Lindner?) noch lange kein Team oder gar eine siegfähige Mannschaft aus. Man wird sehen, ob sie die Relegationsrunde überstehen, oder doch endlich in der Bedeutungsarmut ihrer chronischen Drittklassigkeit verschwinden werden.
Ein Lichtblick momentan ist, dass wenigstens die rechtsradikale Braunkack-Fraktion weitesgehend auf die abgesperrten Zuschauerränge verbannt bleibt. Am besten, sie schlagen sich dort gegenseitig die hohlen Schädel ein.

Deutscher Fußball und deutsche Politik zeigen doch immer wieder frappante Parallelen. Um es in Abwandlung mit einer anderen Trainerlegende zu sagen: “Nach der Wahl ist vor der Wahl” und “Die Urne ist rund und eine Legislaturperiode dauert 5 minus X Jahre” (je nachdem, wo, und wie weit Koalition, Kondition und Wahlversprechen tragen).
Da trifft wie immer des Kaisers Wort: „Schau’n ‘mer mal!“

© Siegfried Galter, 14. 05. 2012

Die kleinen Piraten – eine Legendenbildung

Mittwoch, April 18th, 2012

Ohee und Ahoi – die Piraten ergreifen Partei!
Oheee und Ahoi - die Piraten ergreifen Partei!
Es waren einmal ein paar Schiffbrüchige, die hatte es auf eine kleine Insel verschlagen.
Angetrieben aus allen Himmelsrichtungen, waren sie hier gestrandet und fristeten ihr Dasein, indem sie die wenigen nützlichen Dinge vom Strand aufsammelten, die ihnen das große Meer gelegentlich so zuspülte. Das war natürlich kein Leben, und auf die Dauer auch recht langweilig, aber da sie keinen wirklichen Plan hatten, und auch keinen richtigen Anführer, hatten sie auch keine Idee, wie sie ihrem kargen Eiland entfliehen sollten. Deshalb vertrieben sie sich die Zeit mit allerlei Gedankenspielen und Schabernack. Am liebsten spielten sie am Strand das Piratenspiel. Eines Tages wurde ein Netz angetrieben, und die die Findigen unter den Piraten begannen, es emsig zu nutzen, um damit noch mehr nützliche Dinge aus dem Meer zu fischen. Und tatsächlich entwickelte sich das Netz bald zu einem unentbehrlichen Utensil für die kleine Gemeinschaft, deshalb wurde es auch hingebungsvoll geflickt und vergrößert, sobald nur wieder ein neues Stückchen Faden auftauchte. Ja, es kam allmählich so weit, dass sie sich eigentlich nur noch mit dem Netz beschäftigten: Es gab sogar eigens einen Beauftragten, der keine andere Aufgabe hatte, als das Netz instand zu halten und aufzupassen, dass es auch sachgemäß benutzt wurde, und vor allem nicht wieder im unendlichen Meer verschwand. Schließlich gehörte alles, was sich darin fing, den kleinen Piraten, und so füllte sich ihr Inselchen bald mit allerlei nützlichen und unnützen Dingen, die ein recht unübersichtliches Tohuwabohu bildeten. Irgendwann war es aber soweit, dass sie sich aus all’ dem Treibgut ein veritables kleines Piratenfloß zusammenzimmern konnten. „Nun brauchen wir nur noch eine passende Piratenflagge!“ riefen sie, und stachen, den orangefarbenen Piratenwimpel stolz im Wind, frohgemut in die wogende See. Und siehe da: das kleine Floß schwamm gar nicht so schlecht! Ihr patentes Netz hatten sie natürlich mit an Bord, so dass sie sich auch unterwegs mit dem Nötigsten versorgen konnten. „Oheee, wir sind die Piraten – und uns gehört die See!“ Unerschrocken schipperten sie so dahin, allerdings hatten sie weder Kompass, Sextanten oder GPS, sodass keiner von ihnen wusste, wohin die Reise ging. Aber das bekümmerte die Piraten wenig, „Hauptsache unterwegs!“ feuerten sie sich gegenseitig an, und hantierten emsig mit ihrem Netz. Wieder fingen sich die seltsamsten Sachen darin, und zu ihrer großen Überraschung zogen sie eines Tages eine ganze Mannschaft Schiffbrüchiger an Bord, welche hilflos im Meer dahintrieben. Die erzählten, sich von einem leckgeschlagenen rostigen Seelenverkäufer ins Meer gestürzt zu haben, in der Hoffnung, irgendwo an Land zu kommen. Solcher Art verstärkt, segelte man gemeinsam weiter, um hinter dem unendlichen Horizont weitere wegweisende Abenteuer zu bestehen. „Die Freiheit der Meere ist unsere Freiheit!“ so lautetet ihr Schlachtruf. Das Floß war klein, die See war weit und das Netz war bereit ….

(Fortsetzung folgt)