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Und woran glaubst Du so? (IX)

Donnerstag, Januar 29th, 2015

Brave new worldDarauf gibt es nur eine sinnvolle Antwort: Die Vernunft. Ich glaube an die Macht der Vernunft. Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, so viel steht fest. Und es gibt heute schon viele Menschen wie mich, die den anschaulichen Beweis dafür liefern, dass ein vernunftgesteuertes Leben nicht nur möglich, sondern die einzig sinnvolle humane Existenzform ist. Denn was das Beste für alle ist, das ist auch das Beste für das Individuum, so einfach ist das. Das behaupten auch die Religionen, ich weiß. Aber die Religion, jede Art von Religion, basiert auf dem Glauben, also der reinen Unvernunft. Deshalb glaube ich nicht nur an die Vernunft, sondern ich weiß, dass sie der einzige Weg ist.

Denn sie ist die einzige Kraft, die ihre Macht aus der Überlegenheit des Intellekts über den impulsgesteuerten Instinkt, den blinden Reflex, den tumben Trieb schöpft. Diese Reste einer überkommenen archaischen Lebensform müssen wir endgültig überwinden, ja, restlos ausmerzen, damit wir endlich in das segensreiche Zeitalter der ultimativen Vernunft vorstoßen können.
Gefühle sind schädlich, aber eliminierbar. Bedürfnisse sind vorhanden, aber einzuschränken. Fantasien sind gefährlich, aber steuerbar. Ängste sind kontraproduktiv, aber beherrschbar (die Erzeugnisse der modernen Pharmazie bieten hier unendliche Möglichkeiten). Wissen ist essenziell, und daher streng zu überwachen. Information ist kostbar, und daher verantwortungsvoll zu selektieren. Ressourcen sind knapp, und daher streng zu rationieren. Gewalt ist keine Option, ausgenommen natürlich als Erziehungsmittel aus Staatsräson. Freiheit ist eine Bedrohung, und deshalb abzuschaffen. Besitz ist kollektiv, und damit in Treuhand. Das Individuum ist ersetzbar, und somit kollektivierbar. Humanismus ist sentimental, und deshalb überflüssig. Schmerzen jedoch sind notwendig, und deshalb vernünftig. Sie zeigen uns, wo es noch knirscht im Apparat, wo noch Handlungsbedarf besteht, und Erziehungsbedarf: bei allen, die sich der Vernunft widersetzen – sei es aus schierer Dummheit, Böswilligkeit oder aus purer Ignoranz. Wir werden sie mit den Mitteln der Vernunft zur Vernunft zu bringen wissen. Glück ist eine Illusion, aber es wird eine Funktion der Vernunft sein.

Es ist unsere menschliche Pflicht, die unkontrollierten Kräfte des Chaos in eine sinnvolle und geordnete Struktur zu zwingen. Denn alles sonst auf und außerhalb unseres Erdballs ist doch dem Chaos unterworfen: die Natur, die Elemente, der gesamte Kosmos. Nur der Mensch hat die Fähigkeit, dieser verstörenden und verheerenden Unordnung entschlossen entgegen zu treten. Dafür verfügt er über das Geschenk der Erkenntnis. Das ist sein wahres Humankapital. Nicht umsonst steht er an der Spitze der Evolution. Genau daraus erwächst ihm seine Verantwortung für das Große Ganze. Dafür schafft der Mensch Regeln, dafür hat er Instrumente wie die Mathematik, die Physik, die Medizin, die Technologie usw. entwickelt und auf höchstes Niveau gebracht. Alles lässt sich mit Vernunft regeln, mit Vernunft lösen, der Vernunft unterwerfen, daran glaube ich. Wir werden sein ein einig Volk von Brüdern und Schwestern. Vereint unter der alles zwingenden Macht der Vernunft, die wir zum allgemeingültigen, ultimativ einzuhaltenden Gesetz erheben werden. Es wird ein langer schmerzhafter Prozess werden, alle Menschen zu ihrem Glück zu bekehren. Schließlich regiert die Unvernunft schon zu lange ungehemmt auf unserem Planeten - schauen Sie sich nur einmal um! Dennoch wird die Vernunft obsiegen, das ist meine feste Überzeugung. Geschichte ist unumkehrbar, deshalb ist die Perspektive im erleuchteten Zeitalter der Vernunft ausschließlich in die Zukunft gerichtet. Es wird womöglich noch lange dauern, und es wird nicht ohne Opfer abgehen, aber den Gesetzen der Vernunft werden wir uns nicht entziehen können. So viel ist gewiss.

(wird fortgesetzt)

© Siegfried Galter 29. 01. 2015