Archive for the ‘Zwischenkrisen’ Category

Krisen-Notstand im Sommerloch: Ein Nachruf.

Dienstag, August 23rd, 2011

Hallo Ihr Krisen-Junkies im Lande! Die Lage an der Krisenfront ist angespannt.
Warum? Im Sommerloch drohen uns regelmäßig die Krisenszenarien auszugehen.
Nicht wirklich mangels Masse, sondern weil die Menschen drauß` im Lande urlaubsreif sind, und sich einfach eine Auszeit von dem üblichen Krisengedöns nehmen wollen.
Kriege, Katastrophen und Skandale hat man übers Jahr weiß Gott genug auszuhalten, und will dann wenigstens im Urlaub seine Ruhe davon haben.
Die Medien wissen dieses berechtigte Bedürfnis zu würdigen, und warten im Sommerloch mit handverlesenen Kuschelkrisen auf, von denen man weiß, dass sie nicht wirklich unser Wohlbefinden stören, sondern unser Weltbild stabilisieren helfen. Denn im Grunde wissen wir natürlich, dass die wirklich schlimmen Dinge sowieso permanent passieren, deshalb wollen wir nur wohldosiert davon behelligt werden.

Andererseits sind wir doch so sehr an die täglichen Adrenalinschübe und Aufreger gewöhnt, dass wir nicht ganz auf unseren Krisenstoff verzichten mögen.
Deshalb produziert uns das Sommerloch, wenn nichts wirklich Bedrohliches oder Beängstigendes dazwischenkommt wie ein Tsunami oder eine Sommergrippe-Welle, leicht abbaubare Krisen-Emissionen, die en passant, hübsch aufgebauscht wie ein sanft gekräuseltes Meeresgestade, am sommerträgen Gemüt vorbeirauschen können:

Der Bestand der heimischen Pirole wurde dramatisch geschmälert

Der Bestand der heimischen Pirole wurde dramatisch geschmälert

Aus den August-Temperaturen (ob zu hoch oder zu niedrig) und allfälligen Gewittern wird die ultimative Klimakrise beschworen. Aus entlaufenem Schlachtvieh werden freiheitsliebende Revoluzzer-Rindviecher stilisiert. An ausgesetzten Haustieren wird der Niedergang unseres abendländischen Wertesystems festgemacht.
Aus urlaubenden Spitzenpolitikern ist noch weniger Zielführendes oder Geistvolles herauszubringen als zu üblichen Geschäfts- und Regierungszeiten, weshalb man sie munter vor romantischer Urlaubskulisse zu Wort kommen lässt.
Aus den ausufernden Staumeldungen in Verbindung mit ferienzeitlich angepassten Spritpreisen lässt sich das nahende Ende unserer Mobilkultur ablesen.
Dazwischen solch erfreuliche Einsprengsel: Strauss-Kahn wird mangels Beweisen nicht weiter inhaftiert. Und: Der Pirol ist nicht akut vom Aussterben bedroht.

Dann aber heute eine Meldung, die wirklich betroffen machte, und die beim Autor für eine wahrhaft tiefgreifende Stimmungskrise sorgte: Vicco von Bülow, bekannter als Loriot, weilt nicht mehr unter uns. Diesen Verlust werden alle humorbegabten Menschen in diesem Lande nur schwer verschmerzen. Mit dem Weggang dieses Großmeisters wird die Humorlücke in Deutschland in einem Ausmaß vergrößert, gegen die sich das Sommerloch wie ein Stecknadelkopf ausnimmt. Sehr geehrter Herr von Bülow, alias Loriot (alias Pirol), wir verneigen uns vor Ihrem Werk und Ihrer Person. Wir werden Sie schmerzlich vermissen, und in ehrendem Andenken behalten. Lasst uns hoffen, dass damit der feingeistige Humor in Deutschland nicht endgültig auf der Roten Liste steht.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ruhe sanft, Du seltener Vogel.
Uns zum Troste bleibt, den profanen Alltagskrisen zum Trotz, zumindest die unsterblich gewordene Loriot`sche Nudelkrise. Mahlzeit!

© 23.08.2011 Siegfried Galter

Konjunkturbelebung all””italiana: Wurfgeschosse statt Wachstumsbeschleunigungsgesetz!

Donnerstag, Dezember 17th, 2009

Schweres Geschütz ist nicht Jedermanns Sache (Foto: dpa)

Schweres Geschütz ist nicht Jedermanns Sache (Foto: dpa)


Immer müssen unsere armen Politiker ihren Kopf hinhalten! Bei uns wird aktuell der smarte Von-und-zu mit den unüberschaubar vielen Vornamen unter Feuer genommen, wenn nicht gar gleich komplett verheizt, wegen der kleinen Zündelei am Hindukusch. Dabei - ”mal ganz ehrlich: Was interessiert uns ein ausgebrannter Spritlaster im fernen Talibanistan, wenn hier im Hochoktanland Deutschland trotzdem die Spritpreise explodieren? Auch auf das klangvolle und sinnreiche „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ der neuen Bundesregierung hat man sich jetzt auf breiter Front eingeschossen. Dabei ist die nachhaltige Belebung von Hotelbetten und Beherbergungsbetrieben doch gerade in der Vor-Weihnachtszeit ein herzerwärmendes Thema, Stichwort Bethlehem, Stall, Kind in der Krippe, na, klingelt’’s?
Aber, Hand aufs christlich erwärmte Herz: Bedarf es dazu wirklich eines Gesetz- und Wortungetüms von Gottes Gnaden? Ginge es nicht einfach ein bisschen kleiner? Wachstumsbeschleunigung, schön und gut, aber geht das nicht auch etwas unbürokratischer, sprich: direkter und vor allem – schneller?
Bei uns wohl nicht, weil sich die Politiker hierzulande im Zweifelsfalle lieber wegducken und hinter ihren schützenden Paragrafen verschanzen.

Stattdessen machen uns die viel geschmähten Italiener vor, wie einfach das mit der Konjunkturbelebung gehen kann. Ganz in vorderster Reihe und vollkommen selbstlos ist Silvio Berlusconi ein leuchtendes Beispiel für eine passive Wirtschaftsförderung mit „Köpfchen“. Der Mann hat einfach ein Näschen für den Trend der Zeit: Einfach im entscheidenden Moment zur Stelle sein, standhalten, nicht wegducken, sondern den objektiven Tatsachen tapfer ins Auge sehen! So lässt sich Profil gewinnen, selbst im wirtschaftlich schwer angeschlagenen Italien.

Ein gelungener Wurf - Nachbildung des Mailänder Doms

Ein gelungener Wurf - Nachbildung des Mailänder Doms


Wie einschlägigen Organen gestern noch zu entnehmen war, sind die Nachbildungen des Mailänder Doms plötzlich eine hoch begehrte Reliquie nicht nur bei fremdländischen Touristen. Nach der sonntäglichen Attacke auf den italienischen Regierungschef erfreut sich das wuchtige Souvenir einer explosionsartig gewachsenen Nachfrage, die bis zum 5-fachen des Üblichen gestiegen ist!
Wenn das keine Zuwachsraten sind, verehrte Frau Merkel, lieber Herr Brüderle, Frau von-der-Leyen, (Herrn Schäuble wollen wir an dieser Stelle lieber aus der Schusslinie nehmen…)? Warum nicht bei uns?
Doch damit nicht genug:Bereits jetzt werden in Neapel physiognomisch aktualisierte Berlusconi-Figuren - mit angepasster Nasenpartie und blutüberströmt, der Heiland lässt schön grüßen - als Krippenfiguren feilgeboten, ein ganz neuer Wirtschaftszweig entsteht – alles dank der umsichtigen und geballten Wirtschaftskompetenz des italienischen Staatsführers.
Bella Figura! (Foto: afp)

Bella Figura! (Foto: afp)


Volle Wachstumsbeschleunigung also durch reine Objektbeschleunigung. Diese wiederum erzeugt durch reine Schwer- und Muskelkraft, welche als Ressourcen quasi unerschöpflich und nahezu kostenneutral zur Verfügung stehen!
Ein Konjunkturprogramm, das seinesgleichen sucht und Beispiel machen sollte - auch bei uns! Denn es könnte doch alles so einfach sein: Stillhalten, aushalten, durchhalten, statt die Bevölkerung dauernd nur hinzuhalten. Und wenn die Fresse dick ist, einfach das Maul halten – so geht das!

(c) Siegfried Galter, 17.12. 2009