Archive for August, 2011

Pferdeäpfel frei: Die E10-Gebote

Freitag, August 26th, 2011

Wer veräppelt wird, sollte sich mit Pferdeäpfeln bewaffnen!

Wer veräppelt wird, sollte sich mit Pferdeäpfeln bewaffnen!


Oh holdseliges Mittelalter! Da gab es noch Zünfte, einen wirklich freien Markt, echte Qualitätsprodukte, und es gab auf jedem Marktplatz einen Pranger. An dem wurde jeder öffentlich geschmäht, verhöhnt und angespuckt, der sich gegen die Zunftordnung oder sonstige geltende Sitten, Gebräuche und Übereinkünfte vergangen hatte. Besonders gern sah man dort jene Lumpen und Betrüger, die dem Volke minderwertige Waren für überteuertes Geld aufzunötigen trachteten. Tempi passati.
Wir sehen uns dagegen heute konfrontiert mit allmächtigen Konzernen, die uns, dank tatkräftiger staatlicher Unterstützung oder zumindest politischer und juristischer Duldung, beliebig das letzte Hemd ausziehen dürfen. Jüngstes Skandalbeispiel ist das E10-Debakel, welches nun einen grotesk anmutenden Ausgang nimmt:
Mangels Nachfrage (freier Markt!!!) wurde die Versorgung mit der „Öko“-Plörre nun nach und nach wieder eingestellt. Die Mineralölkonzerne, von der Regierung genötigt, blieben zwar auf ihrem zweifelhaften Produkt sitzen, auf den Kosten werden sie jedoch erklärter Maßen nicht sitzen bleiben. Sowohl die Belastungen für die Bereitstellung, als auch die von der Regierung wegen Nichterfüllung der Verkaufsquote (freier Markt!!!) verhängte Konventionalstrafe werden die „Versorger“ natürlich an uns Verbraucher weitergeben (durch erhöhte Preise ihrer anderen Produkte), so die heute verlautbarte Erklärung.
Was genau so zu erwarten war. Schließlich leben wir nicht mehr im Mittelalter, wo jeder kaufen konnte, was ihm gerade in den Kram passt!
Das folgt mit unerbittlicher Konsequenz der nämlichen kruden Logik, nach der wir den Ausstieg aus der Atomkraft mit zusätzlichen Milliarden zu bezahlen haben, die wir den Energiekonzernen kompensatorisch dafür schulden, dass Sie unseren Planeten auf Jahrtausende hinaus verseucht haben.

Ich wünsche mir die selige Zeit der Pferdegespanne zurück. Nicht nur, dass man den braven und sparsamen Kleppern zu Fressen geben konnte, was man wollte – nein, auch höchst vortreffliche, umweltverträgliche und wachstumsfördernde Wurfgeschosse lieferten sie uns frei Hand. Pferdeäpfel – Feuer frei!

Hier zur Vergewisserung der berechtigten Empörung nochmals die gültige Gesetzeslage. Widerstand ist das Gebot der Stunde!

“Und es begab sich aber, dass ein Gebot vom Obersten Rate ausging, umfassend die E10-Gebote, als da lauten:”

Die E10-Gebote

1. Du sollst nicht denken
2. Du sollst nicht tanken:
- Anderen Sprit, als man Dir vorsetzt
- Billigeren Sprit, den man Dir anbietet
(vor allem nicht im benachbarten Ausland!)
- Besseren Sprit, der die Umwelt, Dein Auto und Dein Budget weniger belastet
3. Du sollst mehr E10 tanken, und dadurch:
- mehr Steuern zahlen
- die Volkswirtschaft ankurbeln, indem Du Dein Auto ruinierst
- die verfehlte Regierungspolitik sanktionieren
4. Du sollst nicht Infragestellen die Kompetenz von Experten, Spezialisten, Monopolisten und Lobbyisten im Auftrage und in Diensten der allwissenden Regierung
5. Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Jeep, SUV, Benzinkanister, Beifahrerin, noch alles, was Sein ist
6. Du solltst den Namen Deiner Volksvertreter ehren und lobpreisen in alle Ewigkeit, Amen
7. Du sollst eigentlich jeden Sprit schlucken, der Dir vorgesetzt wird, und dafür froh und dankbar sein
8. Du sollst nicht Preisbrechen
9. Du sollst gefälligst jeden geforderten Spritpreis mit jeder noch so hanebüchenen Steuer-Erklärung akzeptieren und bezahlen, gestern, heute und in alle Ewigkeit, Amen
10. Du sollst nicht aufmucken (siehe 1. bis 9.)

© Anus Dei 26.08.2011 Siegfried Galter

Seid verschlungen, Milliarden! Ode an die Räuber

Donnerstag, August 25th, 2011

Die Räuber sind unter uns!

Die Räuber sind unter uns!


„Denk´ ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht“ -
so klagte einst der letzte Romantiker deutscher Dichtung, Heinrich Heine, sein Leid über sein geliebtes und doch so unbegreiflich sprödes Heimatland.
Denk´ ich hingegen an Schiller, muss ich immer an „Die Glocke“ denken, deren schulmeisterlich auferlegtes auswendig-Dahersagen mir noch jahrelang übel nachklang.
Aber natürlich fallen mir auch „Die Räuber“ ein, vor allem, wenn ich an Deutschland denke, nicht nur des Nachts. Denn Deutschland, wie auch der Rest der globalisierten Welt, ist längst unter die Räuber gefallen.

Zu Schillers Zeiten waren ja selbst die Räuber noch eine Bande mit gewissen Wertvorstellungen und einem berufsspezifischen Ethos, der sogar die Möglichkeiten der Reue und der Wiedergutmachung nicht kategorisch ausschloss. Wohl deshalb sah sich der Dichter bemüßigt, vier Jahre nach seiner Räuberpistole die Ode „An die Freude“ zu verfassen, die ja dann aufs Kongenialste von Beethoven sinfonisch veredelt wurde, Zitat:

(Chor):
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

(ob damit etwa der alte Vater Staat gemeint war? Eher wohl nicht.)

Heute ist es gang und gäbe, dass vor allem Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik eine höchst kriminelle Energie an den Tag legen, im Bestreben, der ganzen Welt Ihren Allerwertesten zum Kusse darzubieten. Wobei sie sich allerdings längst nicht mehr mit popeligen Millionen zufrieden geben. Diese Armenwährung mit 6 Nullen war allenfalls noch bis in die späten 80er Jahre des vergangenen Jahrtausends eine Größenordnung, mit der sich Staat machen ließ. Heute hat doch jede Kommune, die halbwegs etwas auf sich hält, mindestens ein Milliardendefizit vorzuweisen, von ausgewachsenen Staatswesen gar nicht erst zu reden. Mit solchen Peanuts gibt man sich einfach nicht mehr ab in Zeiten der uneingeschränkten Wirtschaftsfreiheit:
„Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus.” (Moor in DIE RÄUBER)
Die Banker, Spekulanten und Wirtschaftliberalen unserer Zeit haben ihren Schiller offenbar nachhaltigst verinnerlicht.
Der fahrlässig leichtfertige Umgang mit astronomisch hohen Summen hat nebenbei zur Folge, dass wir alle auf Grund dieser äußerst inflationären Entwicklung komplett abgestumpft sind für das wahre Ausmaß der Verschwendung und Verschuldung, die allenthalben auf unsere Kosten betrieben wird. Die MILLION, zu Schillers Zeiten noch ein astronomischer Wert und bis in die 80er Jahre noch eine magische Summe, wurde regelrecht marginalisiert. Selbst Lotto- und andere dahergelaufene Feld- Wald- und Wiesenmillionäre sind doch eigentlich nur noch arme Schlucker heutzutage, machen wir uns nichts vor. Unter einer MILLIARDE braucht uns doch heute gar keiner mehr zu kommen, wenn er ernst genommen werden will, ist es nicht so?

Und was macht der einfache Mann auf der Straße? So ganz ohne Milliardenpolster auf der hohen Kante oder zumindest einer adäquaten Schuldensumme als Rückendeckung, die ihn ein für allemal seinen Gläubigern entzieht?

Der zahlt einfach mit seinem guten Namen. So leicht geht das:

„Ehrlicher Name! Wahrhaftig eine reichhaltige Münze, mit der sich meisterlich schachern läßt, wer´s versteht, sie gut auszugeben.“ (Franz in DIE RÄUBER)

Naja, netter Versuch, Herr Schiller, aber leider nicht mehr ganz zeitgemäß, fürchte ich.
Ich darf Sie hier wiederum aus Ihrer Ode zitieren:

Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahndest du den Schöpfer, Welt?

Als hätte er´s geahnt, was uns mit dem Euro und dem Weltwirtschaftsgetöse so blühen wird. Es lebe der puritanische Weltgeist, der die Erfolgreichen belohnt. Die anderen Loser haben hinnieden halt das Nachsehen:

(Chor):

Duldet mutig, Millionen!
Duldet für die beßre Welt!
Droben überm Sternenzelt
wird ein großer Gott belohnen.

Aber Schiller wäre nicht unser Räuberheld, wenn er nicht auch für die Sozialverlierer sein Herz zeigte:

Chor:

Unser Schuldbuch sei vernichtet!
ausgesöhnt die ganze Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
richtet Gott wie wir gerichtet.

Und weiter:

Brüder, gält’ es Gut und Blut –
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut!

Bevor ich mir hier noch eine staatliche Verfolgung wegen Aufwiegelung und Rädelsführerschaft einhandle, oder gar unter Terrorverdacht gerate, will ich´s wohl dabei belassen, und mich auf eine bescheidne Werteordnung berufen, die nach Schiller wahrhaft würdig ist:

„Hast du etwas, so teile mir´s mit, und ich zahle, was recht ist! Bist du etwas, o dann tauschen die Seelen wir aus.“
(Friedrich Schiller, Das Werte und Würdige)

So soll es sein, so machen wir´s!
© 25.08.2011 Siegfried Galter in Kooperation mit weiland F. Schiller

Krisen-Notstand im Sommerloch: Ein Nachruf.

Dienstag, August 23rd, 2011

Hallo Ihr Krisen-Junkies im Lande! Die Lage an der Krisenfront ist angespannt.
Warum? Im Sommerloch drohen uns regelmäßig die Krisenszenarien auszugehen.
Nicht wirklich mangels Masse, sondern weil die Menschen drauß` im Lande urlaubsreif sind, und sich einfach eine Auszeit von dem üblichen Krisengedöns nehmen wollen.
Kriege, Katastrophen und Skandale hat man übers Jahr weiß Gott genug auszuhalten, und will dann wenigstens im Urlaub seine Ruhe davon haben.
Die Medien wissen dieses berechtigte Bedürfnis zu würdigen, und warten im Sommerloch mit handverlesenen Kuschelkrisen auf, von denen man weiß, dass sie nicht wirklich unser Wohlbefinden stören, sondern unser Weltbild stabilisieren helfen. Denn im Grunde wissen wir natürlich, dass die wirklich schlimmen Dinge sowieso permanent passieren, deshalb wollen wir nur wohldosiert davon behelligt werden.

Andererseits sind wir doch so sehr an die täglichen Adrenalinschübe und Aufreger gewöhnt, dass wir nicht ganz auf unseren Krisenstoff verzichten mögen.
Deshalb produziert uns das Sommerloch, wenn nichts wirklich Bedrohliches oder Beängstigendes dazwischenkommt wie ein Tsunami oder eine Sommergrippe-Welle, leicht abbaubare Krisen-Emissionen, die en passant, hübsch aufgebauscht wie ein sanft gekräuseltes Meeresgestade, am sommerträgen Gemüt vorbeirauschen können:

Der Bestand der heimischen Pirole wurde dramatisch geschmälert

Der Bestand der heimischen Pirole wurde dramatisch geschmälert

Aus den August-Temperaturen (ob zu hoch oder zu niedrig) und allfälligen Gewittern wird die ultimative Klimakrise beschworen. Aus entlaufenem Schlachtvieh werden freiheitsliebende Revoluzzer-Rindviecher stilisiert. An ausgesetzten Haustieren wird der Niedergang unseres abendländischen Wertesystems festgemacht.
Aus urlaubenden Spitzenpolitikern ist noch weniger Zielführendes oder Geistvolles herauszubringen als zu üblichen Geschäfts- und Regierungszeiten, weshalb man sie munter vor romantischer Urlaubskulisse zu Wort kommen lässt.
Aus den ausufernden Staumeldungen in Verbindung mit ferienzeitlich angepassten Spritpreisen lässt sich das nahende Ende unserer Mobilkultur ablesen.
Dazwischen solch erfreuliche Einsprengsel: Strauss-Kahn wird mangels Beweisen nicht weiter inhaftiert. Und: Der Pirol ist nicht akut vom Aussterben bedroht.

Dann aber heute eine Meldung, die wirklich betroffen machte, und die beim Autor für eine wahrhaft tiefgreifende Stimmungskrise sorgte: Vicco von Bülow, bekannter als Loriot, weilt nicht mehr unter uns. Diesen Verlust werden alle humorbegabten Menschen in diesem Lande nur schwer verschmerzen. Mit dem Weggang dieses Großmeisters wird die Humorlücke in Deutschland in einem Ausmaß vergrößert, gegen die sich das Sommerloch wie ein Stecknadelkopf ausnimmt. Sehr geehrter Herr von Bülow, alias Loriot (alias Pirol), wir verneigen uns vor Ihrem Werk und Ihrer Person. Wir werden Sie schmerzlich vermissen, und in ehrendem Andenken behalten. Lasst uns hoffen, dass damit der feingeistige Humor in Deutschland nicht endgültig auf der Roten Liste steht.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ruhe sanft, Du seltener Vogel.
Uns zum Troste bleibt, den profanen Alltagskrisen zum Trotz, zumindest die unsterblich gewordene Loriot`sche Nudelkrise. Mahlzeit!

© 23.08.2011 Siegfried Galter