Archive for November, 2011

Heer und Stahl und Blut und Boden: Von fatalen Namenskonstellationen mit unguten Assoziationen.

Mittwoch, November 30th, 2011

Michel, mach´die Augen auf - es stinkt in D!

Michel, mach´die Augen auf - es stinkt in D!

Der vielzitierte „Deutsche Michel“ - wie kommt er eigentlich zu seinem Namen?
Zitat Brockhaus: „Die spöttische Bezeichnung für den Deutschen, meist gemünzt auf den biederen, unpolitischen, etwas schlafmützigen Bürger, findet sich erstmals 1541 in der »Sprichwörtersammlung« des deutschen Dichters Sebastian Franck (1499 bis 1542 oder 1543). …“
Nun, jene spezifischen „Michel“-Attribute ließen sich wohl auch heute noch auf die tumbe Mehrheit fast jedes europäischen Staatswesens anwenden.
In seiner bräsig-behaglichen Selbstbeschränkung gefiel sich jedenfalls der deutsche Michel in den letzten 50 Jahren darin, eine möglichst unbefleckte Weste zur Schau zu stellen, was seine braune Vergangenheit betrifft (nicht nur sauber, sondern rein!). Gelegentliche olfaktorische Irritationen von Kloakengeruch mit eindeutiger Naziherkunft wedelte er stets, mit machtvoller staatlicher Duldung und gutbürgerlicher Geste, von rechts nach links hinweg. Jüngst jedoch war der Gestank nicht mehr zu ignorieren, und geschockt musste der deutsche Michel zur Kenntnis nehmen, dass er ihn die ganzen Jahrzehnte mit sich herumgeschleppt hatte: Die nazibraune Kacke klebte unter seinem rechten Schuh und stank zum Himmel. Nun gut, könnte man einwenden, auf Grund einer sehbedingten Schwäche auf dem rechten Auge konnte der Ärmste das einfach nicht früher bemerkt haben – geschenkt. Ist halt nur ein armer Michel, und die Welt, Deutschland im besonderen, hat doch genug andere Probleme - im Moment sowieso. Da kommt unserem Staat und seinen hochorganisierten Ordnungsorganen so eine kleine isolierte Nazi-Mörderbande doch sehr ungelegen. Zum Glück und in weiser Voraussicht haben zwei dieser unglückseligen, verblendeten Minderheit sich schon freiwillig von eigener Hand aus ihrem todbringenden Leben entfernt (das möchte man zumindest den unbedarften Michel glauben machen). So verbleibt ein recht überschaubarer Aufklärungsbedarf, wie gesagt, es kann sich ja nur um eine kleine isolierte Terrorzelle handeln, da ja über zehn Jahre keinerlei Hinweise auf ihre Existenz hingedeutet haben. Lassen wir also den ganzen braunen Sumpf und die mehr als suspekt anmutenden Versäumnisse des Verfaschungsschutzes also einfach rechts hinter uns liegen, und verweisen an dieser Stelle auf eine kleine, aber dennoch bemerkenswerte Koinzidenz im aktuellen Verlauf dieser Geschichte:

Bereits in einem früheren Beitrag hatte ich mich mit den zuweilen ominös anmutenden Zusammenhängen von Namen, Namensgebung und ihrer kontextuellen Einordnung befasst. Eigentlich ganz harmlose Begriffe wie „Blut“ oder „Boden“, die in ihren ursprünglichen Bedeutungszusammenhängen rein sachlich verwendet werden können, ohne eine Gänsehaut zu verursachen, entwickeln in anderen Kontexten plötzlich eine geradezu dämonische Dimension, man denke nur an Horrorfilme oder die Machenschaften von Bodenspekulanten(!). Ein ganz ähnliches Schicksal erleiden die Träger prinzipiell unverfänglicher Nachnamen wie „Heer“ oder „Stahl“, die es in Deutschland sicher tausendfach gibt. Auch dass die Namensinhaber den prinzipell mehrheitlich ehrbaren Beruf des Juristen ausüben, stellt keinerlei Beeinträchtigung oder Bedenklichkeit dar. Ein Chirurg namens „Fleischhauer“ oder ein Bankier, der sich „Offergeld“ nennt, gerät da schon viel eher in ein ominöses Licht. Dennoch kann es einen zumindest merkwürdig berühren, wenn die beiden Juristen, welche jetzt die Verteidigung von Beate Zschäpe (der Dritten im Bunde des Nazi-Mördertrios) übernommen haben, ausgerechnet auf die Namen „Heer“ und „Stahl“ hören.
Unbenommen, dass es sich bei diesen Beiden um offenbar unbescholtene und kompetente Vertreter ihres Standes handelt, hat diese Konstellation für mich eindeutig Gänsehautpotenzial. Hätten die sich nicht jemand anderen suchen können, den sie verteidigen wollen? Mensch, da draußen rennen soooo viele schöne und vielversprechende Verbrecher und Straftäter herum, aber nein, ausgerechnet die verqueren Nachläufer der hirnkranken “Blut-und-Boden”-Ideologie müssen die verteidigen. Mene, mene Tekel, bei Nazis siegt – der Ekel. Da helfen weder Stahl noch Heer. (N)amen.
© Siegfried Galter, 30.11.2011




Der (Gutten) Berg kreißte und gebar …

Dienstag, November 29th, 2011

Hhmmmm- Guttiguttiguttigutti!

Hhmmmm- Guttiguttiguttigutti!

Von Menschen und Mäusen gilt: Als Säugetiere haben sie eine bestimmte Tragzeit ihrer Leibesfrucht bis zur Niederkunft.
Im übertragenen Sinne wird dieser Begriff auch gerne auf den Entstehungsprozess geistiger Früchte, wie z.B. Dissertationen oder literarische Werke, angewandt.
Beim Menschen beträgt die biologische Tragzeit i.d.R. 9 Monate.
Manche brauchen etwas länger, besonders, wenn die äußeren Umstände widrig sind, so wie bei weiland (nicht:Heiland) Guttenberg: An seiner ersten, und hoffentlich auch letzten Dissertation dokterte der Graf etliche Jahre herum, mit bekanntem Ergebnis.
Ziemlich exakt neun Monate nach dem unfreiwilligen Spät-Abort seiner Doktorwürde erscheint nun wieder ein Machwerk, welches, anders als seine Doktorarbeit, diesmal die Öffentlichkeit sucht. Und offenbar auch findet: Die deutsche Volksseele lechzt anscheinend regelrecht nach allem, was dieser feine Herr so absondert.
Das jetzt veröffentlichte Werk „Vorerst gescheitert“ stammt erklärter Maßen nicht aus seiner Feder, sondern der Adelsherr lässt jetzt offiziell schreiben. Dennoch ist es von A bis Z wieder abgeschrieben: Und zwar bei ihm selbst.
Guttenberg wäre nicht er selbst, wenn er sich nicht in seiner Selbstverblendung treu bliebe. Deshalb sind jetzt auch, offiziell und für alle nachlesbar, alle anderen schuld an seiner Verfehlung und an seinem persönlichen wie politischen Unvermögen, das gibt er denen und uns jetzt sogar nochmal schriftlich.
Der Berg kreißte und gebar eine Maus. Von Guttenberg ließe sich ergänzend noch festhalten: Die Katze lässt das Mausen nicht, selbst wenn sie beim dreisten Diebstahl ertappt wurde. Der mickrigen Nachgeburt der nachgeschobenen Unwahrheiten also keine Chance, und das ist auch besser so. Wir wünschen einen gutten Schmaus, um nicht zu sagen: Gutten Appetit!

P.S.: Obwohl, oder gerade weil das Thema Guttenberg noch Bände füllen würde, und ich befürchte, dass uns der brillantine Saubermann künftig noch genug beschäftigen wird, seien ihm und seinen Machenschaften an dieser Stelle genug der Worte gewidmet.
Zumal er sich schändlicher Weise auf so wohlfeile Art, nämlich durch Ablasszahlung der mehr als schäbigen Summe von € 20.000,- aus seiner schmutzigen Affäre ziehen konnte, wollen wir diesem zweifelhaften Ehrenmann hier nicht mehr Ehre und Aufmerksamkeit zuteil werden lassen als angemessen.

© Siegfried Galter, 29.11.2011

Griechenlands Hoffnung – und Untergang

Freitag, November 4th, 2011

Eule mit Weile - quo vadis Athena?

Eule mit Weile - quo vadis Athena?

Von den Griechen lernen, das hieß einst: Listen lernen (zu Zeiten des Odysseus).
Von den Griechen lernen, das hieß einst auch: Demokratie lernen (zu Zeiten des Aristoteles).
Dann hieß es lange auch: Kämpfen lernen (zu Zeiten des diktatorischen Terros eines Adolf Hitler und eines Georgios Papadopoulos).
Heute können wir von den Griechen wieder hoffen lernen.
Hoffen darauf, dass Demokratie irgendann doch mehr sein möge als der verschobene Proporz von Parteien und Großfinanz.
Hoffen darauf, dass Vernunft und Augenmaß vielleicht eines Tages doch stärker werden könnten als Gier, Größenwahn und Machtgehabe.
Aber. Wie gerade erst in meinem vorletzten Beitrag ausgeführt, ist die Hoffnung eines der perfidesten Folterinstrumente, über die der Mensch verfügt.
Deshalb heißt von Griechenland lernen für uns alle jetzt wieder: schmerzliche Erkenntnis lernen.
Wie das?
Gerade erst noch durften wir hoffen, dass in Griechenland jetzt alles wieder gut wird, weil wir in einer epochalen gemeinsamen Anstrengung den geheilgten €uro, und damit die gesamt€uropäische Vision, wenn nicht sogar die -Union, gerettet hätten.
Auch die Griechen waren, gewisser Uneinsichtigkeiten um Trotz, bereit, sich auf diese teure Hoffnung einzulassen. Dann wieder machte der noch amtierende Staatspräsident Papandreou in einer kühnen Volte diese Hoffnungen mit einem Schlage zunichte! Dieser verantwortungslose Strolch hatte doch das vermessene Ansinnen, in völlig pervertiertem Demokratieverständnis sein VOLK über diese Fundamentalfrage abstimmen zu lassen, ob und wie das Schicksal der griechischen Nation künftig mit dem des €uro verbunden bleiben sollte. Odysseus, der listenreiche, lässt grüßen! Ja, ist der Mann denn kommplett wahnsinnig? DAS VOLK? VOX RINDVIEH soll über seine eigene Zukunft befinden, und darüber auch noch abstimmen? DA KÖNNTE JA JEDER KOMMEN?! DIE ZUKUNFT DES €URO, die der BANKEN, und damit unser aller Zukunft hängt davon ab, dass da jetzt alles in geordneten Bahnen verläuft, und gefälligst keiner kleinstaatlerisch querschießt, oder dumm reinquatscht, bitteschön!
Wir sind eine Schicksalgemeinschaft, und haben uns auf Leben und Tod dem €uro verschworen. Wer da aussteigen will, ist schon so gut wie tot. Schließlich sitzen wir alle in einem leckgeschlagenen Boot, und da soll gefälligst jeder Brackwasser schaufeln, so gut er eben kann. Über Bord geworfen wird er noch früh genug.
Papandreou hat man das jetzt zu guter Letzt doch noch begreiflich machen können, Merkel, Sarko und Co. sei Dank!
Die €urokratische Demokratie hat auf ganzer Linie gesiegt, Papandreou kann gehen, nachdem man an ihm ein Exempel statuiert hat. Weiter so!
Und weil europäische Demokratie nach Griechenland zu bringen so sinnvoll ist, wie die berüchtigten Eulen nach Athen zu tragen, zum guten Schluss hier noch`n Gedicht (man beachte bitte die Jahreszahl!):

Griechenlands Hoffnung

1827.
Es ging das Jahr in mattem Schlummer
Verachtet seinem Ende zu,
Im Osten wühlt der alte Kummer,
Und um uns her ist Grabesruh;
Das Licht der Wahrheit – mag`s ersterben!
Das Volk der Freiheit – mag`s verderben!

Geht, hoffet noch auf Wunderwerke,
Und glaubt, daß euer rost`ger Stahl,
Hineingesandt, die Schwachen stärke,
Zu trotzen Feinden ohne Zahl!
Geht, reicht den Weibern, Kindern, Greisen,
Fünf Gerstenbrote, sie zu speisen!

So sprach der Zweifel, hohen Hauptes
Ging er durch unsre Straßen hin;
Den Geiz erfreut`s, die Schwäche glaubt es,
Der kalten Bosheit däucht`s Gewinn:
Jetzt ist die letzte Glut verglommen,
Ja, bleiern wird die Nacht jetzt kommen!

Und anderwärts hebt schon die Schande,
Die Thorheit schon ihr Banner dreist: –

Da regt sich an Europens Rande
Der niebezwungne, freie Geist;
Im Land, um das die Fluten wallen,
Läßt Ein Mann seine Stimme schallen.

Wer heftet nicht auf Ihn die Blicke,
Von dessen Mund die Rede weht,
Daß durch die langsamen Geschicke
Der Zeit ein Fieberschauer geht,
Und daß von seinem Wink erschüttert
Der dumpfe, ferne Süden zittert!

Zwar gilt es nicht dem armen Volke,
Das schmachtend nach dem Ritter blickt,
Auf das die steh`nde Wetterwolke
Vertilgungsstralen niederschickt:
Doch darf das eine Leid schon hoffen,
Wenn andrem Leid ein Ohr steht offen.

O die ihr Worte habt wie Schwerter,
Beschwingte Schiffe, Waffen, Gold:
Dort drängt die Wut, die Not noch härter,
Als wo der Mönch die Fahn` entrollt;
Dort, wo das Sichelschwert seit Jahren
Wild durch die fremde Saat gefahren.

Die Saat des Korns, die Saat der Helden,

Der Mütter und der Kinder Saat!
In Haufen liegen sie und melden,
Was dort der Schnitter niedertrat!
Dort helft, dort stellt euch an die Spitze,
Dort schleudert rettend eure Blitze.

Ihr aber, ihr in allen Landen,
Die noch erweichet andrer Not,
Auf, laßt uns rütteln an den Banden,
Auf, theilet euren Bissen Brot;
Daß hier und dort ein Arm, der bebet,
Erstarkt zum Kampfe neu sich hebet.

Die Zeit blickt uns mit Hoffnungsaugen
Tiefsinnig funkelnd, fragend, an;
Jetzt will sie Herzen, welche taugen,
Jetzt rüst`ge Wandler ihrer Bahn.
Drum nicht mehr lau, nicht mehr verzaget;
Laßt wirken uns, so lang es taget!

Gustav Schwab (1792-1850)

© für den Rest: Siegfried Galter, 04.11. 2011